Rubrik Zypernkonflikt & Geschichte

Alle Beiträge zu Verhandlungen, Konfliktgeschichte und Erinnerungspolitik auf der Insel.

Wenn ein Staatsoberhaupt öffentlich vor dem Scheitern der Verhandlungen warnt, dann ist das mehr als diplomatische Routine. Mustafa Akıncı, der damalige Präsident der Türkischen Republik Nordzypern, richtete in einem Interview mit einer griechischsprachigen Inselzeitung einen unmissverständlichen Appell an die Gegenseite: Ohne Einigung könnte die zyperngriechische Seite eines Tages eine Grenze zur Türkei auf der Insel selbst erleben. Die Aussage wirft ein Licht auf die Frage, die seit Jahrzehnten über Zypern liegt: Was geschieht, wenn die Teilung nicht überwunden wird?

Die Warnung im Kern

Akıncı machte in dem Gespräch deutlich, dass ein Scheitern der Gespräche keineswegs nur den Norden vor Probleme stellen würde. Natürlich könne der Norden als eigenständiger Staat weiterbestehen. Eine echte Langzeitperspektive habe ein solches Gebilde aber nur, wenn es international eingebettet sei und nicht allein von einem einzigen Partner abhänge. Gemeint war vor allem die enge Bindung an Ankara.

Die Pointe seiner Argumentation richtete sich an den Süden: Wer eine Föderation ablehne oder verschleppe, riskiere, dass sich die Verhältnisse auf der Insel dauerhaft verfestigen. Je länger die Teilung andauere, desto stärker würden die Strukturen im Norden an die Türkei gekoppelt. Am Ende stünde dann womöglich eine faktische Grenze der Türkei auf Zypern – ein Szenario, das viele Zyperngriechen als Albtraum empfinden.

Wer die Lösung ausschlägt, könnte eines Tages feststellen, dass die Alternative nicht der Status quo ist, sondern etwas Schlechteres.

Warum Akıncı als Gesprächspartner besonders war

Akıncı galt unter den Führern der türkisch-zyprischen Gemeinschaft als ausgesprochen kompromissbereit. Er trat für eine bizonale, bikommunale Föderation ein, wie sie in den einschlägigen Resolutionen der Vereinten Nationen als Verhandlungsziel beschrieben wird. Sein Verhältnis zum zyperngriechischen Verhandlungspartner war über lange Zeit von persönlichem Vertrauen geprägt, was in der Zypernpolitik keine Selbstverständlichkeit ist.

Gerade deshalb hatte seine Warnung Gewicht. Sie kam nicht von einem Hardliner, der drohen wollte, sondern von jemandem, der ein Fenster der Gelegenheit schwinden sah. Seine Botschaft lautete im Kern: Mit mir ist eine Lösung möglich, und es ist nicht gesagt, dass nach mir wieder jemand mit dieser Haltung kommt. Wie berechtigt diese Sorge war, zeigte die spätere Entwicklung, in der im Norden zunehmend Stimmen laut wurden, die eine Zweistaatenlösung statt der Föderation forderten.

Die Wurzeln des Konflikts

Um die Tragweite solcher Worte zu verstehen, lohnt der Blick zurück. Die Republik Zypern wurde 1960 unabhängig, mit einer Verfassung, die griechischen und türkischen Zyprern feste Anteile an der Macht zusprach. Garantiemächte waren Griechenland, die Türkei und Großbritannien. Das Gefüge war fragil: Beide Gemeinschaften misstrauten einander, und radikale Kräfte auf beiden Seiten verfolgten andere Ziele, die einen den Anschluss an Griechenland (Enosis), die anderen die Teilung (Taksim).

Ende 1963 brach die Gewalt offen aus, die türkischen Zyprer zogen sich vielfach in Enklaven zurück, und die gemeinsame Regierungsarbeit zerbrach. Wie diese Tage erlebt wurden, schildert der Beitrag Bürgerkrieg und Weihnachten auf Zypern 1963. Auch spätere Gewaltereignisse prägen die Erinnerungskultur bis heute, etwa das Gedenken an die Opfer des Taşkent-Massakers, über das dieser Bericht informiert.

1974 und die Folgen

Der Putsch gegen den damaligen Präsidenten im Sommer 1974 und die darauf folgende türkische Militärintervention teilten die Insel faktisch in zwei Hälften. Tausende Menschen verloren ihre Heimat, viele gelten bis heute als vermisst. Die Pufferzone der Vereinten Nationen zieht sich seither quer durch die Insel und mitten durch die Hauptstadt Nikosia.

1983 rief der Norden die Türkische Republik Nordzypern aus. Anerkannt wird sie bislang nur von der Türkei; die internationale Gemeinschaft betrachtet die gesamte Insel völkerrechtlich als Gebiet der Republik Zypern. Der Mann, der diese Staatsgründung maßgeblich betrieb, wird im Norden bis heute verehrt, wie der Rückblick auf das Gedenken an Denktaş zeigt.

Gescheiterte Anläufe und der Annan-Plan

Seit den Siebzigerjahren gab es zahlreiche Verhandlungsrunden, Vermittlungsversuche und Gipfeltreffen. Den weitesten Schritt markierte der Plan des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan, über den 2004 in beiden Teilen der Insel gleichzeitig abgestimmt wurde. Die türkischen Zyprer stimmten mehrheitlich zu, die griechischen Zyprer lehnten ihn deutlich ab. Kurz darauf trat die Republik Zypern der Europäischen Union bei, während das EU-Recht im Norden ausgesetzt blieb.

Interessant ist, dass die Haltung im Süden nicht einfach Ablehnung jeder Lösung bedeutete. Umfragen zeigten immer wieder, dass viele Zyperngriechen eine Föderation grundsätzlich akzeptieren, den konkreten Plan aber wegen offener Fragen zu Sicherheit, Eigentum und Rückkehr ablehnten. Mehr dazu finden Sie im Beitrag Südzyprer für Föderation und gegen Annan-Plan.

Die strittigen Kernfragen

Warum kommen die Gespräche so schwer voran? Ein Blick auf die zentralen Streitpunkte macht es verständlich:

  • Sicherheit und Garantien: Der Süden will die Garantierechte und die Präsenz türkischer Truppen beenden, der Norden fürchtet ohne diese Absicherung um seine Sicherheit.
  • Eigentum: Hunderttausende Menschen mussten 1974 oder früher ihre Häuser und Grundstücke verlassen. Rückgabe, Entschädigung und Tausch sind juristisch und emotional hochkomplex.
  • Territorium: Wie viel Land würde bei einer Lösung unter zyperngriechische Verwaltung zurückkehren, und wie ließe sich das mit der Zonenstruktur einer Föderation vereinbaren?
  • Machtteilung: Wie wird die Rotation im Amt des Präsidenten geregelt, und wie verhindert man Blockaden bei Entscheidungen?
  • Rolle der Türkei: Ohne Ankara wird es keine tragfähige Lösung geben, doch die Interessen der Türkei reichen weit über die Insel hinaus, bis zu Fragen der Energie im östlichen Mittelmeer.

Jeder dieser Punkte hängt mit den anderen zusammen. Zugeständnisse bei einem Thema werden daher meist nur gegen Gegenleistungen bei einem anderen gewährt, was Verhandlungen langwierig macht.

Was bedeutet eine „Grenze zur Türkei“?

Das von Akıncı skizzierte Szenario ist bewusst zugespitzt, enthält aber einen realen Kern. Wenn der Norden sich politisch, wirtschaftlich und administrativ immer enger an die Türkei bindet, verschwimmt die Grenze zwischen einem eigenständigen Staat und einer Region, die von außen gesteuert wird. Für den Süden würde das bedeuten, dass der Verhandlungspartner nicht mehr die türkisch-zyprische Gemeinschaft wäre, sondern unmittelbar ein großer Nachbarstaat.

Hinzu kommt die Zeit. Jede Generation, die in der Teilung aufwächst, hat weniger persönliche Erinnerungen an das Zusammenleben. Gemeinsame Initiativen, etwa Treffen religiöser Oberhäupter, wie sie hier dokumentiert sind, oder zivilgesellschaftliche Projekte, die sogar für den Friedensnobelpreis ins Gespräch gebracht wurden (dazu mehr), halten die Brücken offen. Sie ersetzen aber keine politische Einigung.

Akıncıs Interview bleibt ein Dokument des Moments, in dem die Hoffnung auf eine Föderation noch greifbar schien, und zugleich eine Mahnung. Sie erinnert daran, dass der Status quo kein neutraler Zustand ist, sondern sich mit der Zeit verändert, oft zulasten derjenigen, die auf Bewegung verzichten.

Ob Föderation, Zweistaatenlösung oder ein anderes Modell: Eine Lösung braucht den Willen beider Gemeinschaften und das Mitwirken der Garantiemächte sowie der internationalen Staatengemeinschaft. Die Geschichte Zyperns zeigt, dass verpasste Gelegenheiten selten wiederkehren. Genau darauf zielte die Warnung aus dem Norden, und sie hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.