Zyprische Kandidaten für den Friedensnobelpreis?

Noch ist kein Friedensplan vorgelegt worden und noch hatten die beiden Volksgruppen nicht die Gelegenheit darüber abzustimmen und schon geistert durch die Presse der Begriff des Friedensnobelpreises.

Noch liegt kein Friedensplan auf dem Tisch, noch haben die beiden Volksgruppen auf Zypern nicht darüber abgestimmt – und doch geistert bereits das Wort „Friedensnobelpreis“ durch die Presse der Insel. Eine international bekannte britische Wirtschaftszeitung soll die beiden Staatschefs Mustafa Akıncı und Nikos Anastasiades als mögliche Preisträger ins Gespräch gebracht haben, falls die Teilung Zyperns 2016 tatsächlich überwunden wird. Ist das verfrühter Optimismus, mediale Übertreibung oder ein Zeichen, dass diesmal wirklich etwas anders ist?

Ein Preis, der noch gar nicht verdient werden kann

Zeitungsberichte im Süden der Insel greifen die Idee begeistert auf. Die Vorstellung, dass zwei Politiker, die seit Jahrzehnten getrennte Gemeinschaften vertreten, gemeinsam in Oslo ausgezeichnet werden könnten, wirkt auf viele Menschen zugleich verlockend und ein wenig unwirklich. Schließlich gibt es bislang weder einen vereinbarten Text noch ein Referendum, und die Erfahrung lehrt, dass auf Zypern zwischen einem Verhandlungsfortschritt und einer tatsächlichen Lösung oft Jahre liegen.

Gerade deshalb ist die Nobelpreis-Debatte aufschlussreich. Sie zeigt weniger, was erreicht ist, als vielmehr, welche Erwartungen sich aufgebaut haben. Wer über einen Preis spricht, geht davon aus, dass eine historische Wende möglich ist. Vor wenigen Jahren hätte kaum jemand eine solche Diskussion geführt, ohne dafür ausgelacht zu werden.

Wichtig ist auch: Ein Nobelpreis wird für Ergebnisse vergeben, nicht für Absichtserklärungen. Solange die Bevölkerung nicht zugestimmt hat, bleibt die Spekulation genau das – Spekulation. Die Berichte sollten daher als Stimmungsbarometer gelesen werden, nicht als Prognose.

Davos: Der gemeinsame Wille wird erneuert

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos bekundeten beide Politiker erneut ihre Bereitschaft, eine Einigung zu erreichen. Dass die Vertreter der griechischen und der türkischen Zyprer überhaupt auf derselben internationalen Bühne für das gleiche Ziel werben, ist ein Signal an die Weltöffentlichkeit, aber auch an die eigenen Wähler. Wer sich öffentlich festlegt, macht einen Rückzieher politisch teurer.

Auffällig ist der Ton: Statt gegenseitiger Schuldzuweisungen dominieren Formulierungen, die Gemeinsamkeit betonen. Das heißt nicht, dass die inhaltlichen Differenzen verschwunden wären. Doch die Atmosphäre ist eine andere als in Phasen, in denen Gespräche vor allem dazu dienten, die eigene Position für die Geschichtsbücher zu dokumentieren. Zuvor hatte etwa die Aufforderung Eroğlu ruft Anastasiades zum Verhandlungstisch gezeigt, wie sehr Gesprächsbereitschaft lange erst eingefordert werden musste.

Der große Unterschied zu 2004

Der entscheidende Vergleichspunkt ist das Jahr 2004. Damals lag der Annan-Plan der Vereinten Nationen vor, benannt nach dem damaligen UN-Generalsekretär. Doch die beiden führenden Politiker der Zeit, der nordzyprische Präsident Rauf Denktaş und sein südzyprischer Amtskollege Tassos Papadopoulos, lehnten den Plan ab. Sie sprachen sich nicht nur dagegen aus, sondern warben aktiv für ein Nein.

Die Bevölkerung entschied dennoch – und sehr unterschiedlich. Bei den Abstimmungen votierten rund zwei Drittel der türkischen Zyprer für den Plan, während etwa drei Fünftel der griechischen Zyprer ihn deutlich ablehnten. Die Insel, in der eine Seite Ja und die andere Nein sagte, blieb geteilt. Kurz darauf trat der Süden der Europäischen Union bei, während der Norden außen vor blieb. Die Verhandlungen verliefen danach erst einmal im Sande. Zur damaligen Stimmung im Süden passt auch ein Rückblick wie Südzyprer für Föderation und gegen Annan-Plan.

Der große Unterschied zu 2004: Diesmal stehen die Staatschefs nicht gegen eine Lösung, sondern bekennen sich ausdrücklich zu ihr.

Was 2004 gelehrt hat

  • Ein Plan ohne Rückhalt der politischen Führung hat kaum Chancen auf eine Mehrheit.
  • Gleichzeitige Referenden verlangen, dass beide Gesellschaften sich mitgenommen fühlen.
  • Der EU-Beitritt des Südens veränderte die Verhandlungsdynamik grundlegend, denn der Druck auf eine rasche Lösung ließ spürbar nach.
  • Misstrauen lässt sich nicht per Vertrag beseitigen; es muss durch greifbare Verbesserungen im Alltag abgebaut werden.

Zwei Staatschefs, zwei Gemeinschaften

Mustafa Akıncı steht für die türkischen Zyprer im Norden, Nikos Anastasiades für die griechischen Zyprer im Süden. Beide gelten als Politiker, die den Dialog über die Konfrontation stellen, und beide betonen, dass eine Lösung nicht von außen aufgezwungen werden darf. Genau das ist der Kern des Gedankens, die Verhandlungen seien „zypriotisch geführt und zypriotisch besessen“.

Dabei sind ihre Ausgangslagen verschieden. Auf beiden Seiten gibt es Skeptiker, die einen Kompromiss als Verrat an der eigenen Geschichte empfinden. Auf beiden Seiten gibt es aber auch Menschen, die einfach ein normales Leben ohne Trennlinie wollen. Wie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bis heute nachwirkt, zeigen Beiträge wie Bürgerkrieg und Weihnachten auf Zypern 1963 oder Staatsbegräbnis für Opfer des Taşkent-Massakers. Erinnerung und Verlust prägen beide Gemeinschaften, nur eben mit unterschiedlichen Erzählungen.

Ein gewichtiger Unterschied zur Vergangenheit: Die beiden Verhandlungsführer begegnen sich auf Augenhöhe und scheinen einander persönlich zu respektieren. Diplomatie lebt von Vertrauen, und ohne ein Mindestmaß davon bleibt jedes noch so gut formulierte Papier wertlos.

Woran eine Lösung scheitern könnte

So sehr der Wille zur Einigung betont wird, die schwierigen Fragen bleiben. Dazu gehören traditionell die künftige Machtteilung in einer Föderation, Eigentumsansprüche von Menschen, die 1974 ihre Häuser verlassen mussten, Gebietsanpassungen sowie Sicherheitsgarantien und die Rolle auswärtiger Truppen. Jede dieser Fragen berührt existenzielle Ängste, und jede lässt sich leicht in Wahlkämpfen instrumentalisieren.

Hinzu kommt die internationale Dimension. Die Garantiemächte, die Vereinten Nationen und die Europäische Union haben eigene Interessen und Erwartungen. Auch das Verhältnis zwischen den Religionsgemeinschaften spielt eine Rolle, wie das Treffen der religiösen und politischen Oberhäupter verdeutlichte. Solche Begegnungen können Brücken bauen, ersetzen aber keine politische Einigung.

Schließlich bleibt das Referendum selbst die größte Hürde. Politiker können verhandeln, doch am Ende entscheiden Wählerinnen und Wähler. Die Erfahrung von 2004 zeigt, dass Zustimmung auf der einen Seite nichts nützt, wenn die andere nicht mitzieht.

Hoffnung mit Augenmaß

Ob am Ende tatsächlich ein Friedensnobelpreis steht, ist die am wenigsten wichtige Frage. Entscheidend ist, ob die Insel nach Jahrzehnten der Trennung einen tragfähigen Kompromiss findet, der von beiden Gemeinschaften akzeptiert wird. Die Chance dafür scheint größer als seit langem, weil diesmal wirklicher Einigungswille auf beiden Seiten vorhanden sein dürfte.

Dennoch gilt: Optimismus ist erlaubt, Euphorie wäre verfrüht. Die Geschichte Zyperns kennt viele Momente, in denen die Hoffnung groß war und die Ernüchterung folgte. Wenn es diesmal gelingt, wäre das nicht nur für die Insel ein Gewinn, sondern auch ein Beispiel dafür, dass festgefahrene Konflikte nicht für immer festgefahren bleiben müssen. Ein Preis wäre dann allenfalls die Anerkennung für das, was Menschen auf beiden Seiten der Trennlinie ohnehin längst ersehnen: ein Leben in Sicherheit und Normalität.