Vierzig Jahre nach dem Taşkent-Massaker haben Angehörige in Nordzypern endlich einen Ort zum Trauern bekommen. Am 15. August 2014, auf den Tag genau vier Jahrzehnte nach der Tat, wurden 34 der insgesamt 83 Opfer in einem Staatsbegräbnis beigesetzt. Für viele Familien endete damit eine Ungewissheit, die ihr ganzes Leben bestimmt hatte.
Was im August 1974 geschah
Am 15. August 1974 wurden türkische Zyprer aus den Dörfern Taşkent, Terazi und Tatlısu von griechisch-zyprischen Milizen verschleppt und ermordet. Die Tat fiel in die chaotischen Wochen nach dem Putsch und der türkischen Militärintervention. Die Insel war damals von Gewalt, Flucht und gegenseitigem Misstrauen geprägt.
Die Opfer blieben danach verschollen. Ihre Familien wussten oder ahnten, dass die Männer getötet worden waren. Einen Beweis, ein Grab oder einen Gedenkort hatten sie jedoch nicht. Nur ein Mann überlebte das Massaker: Suat Kafadar. Sein Zeugnis gehört seither zu den wichtigsten Quellen über das, was damals geschah.
Das Taşkent-Massaker steht nicht allein. Schon in den Jahren der Gewalt zwischen den Volksgruppen, die mit dem Zerfall der gemeinsamen Staatsordnung begannen, gab es auf beiden Seiten Opfer. Einen Eindruck dieser früheren Phase vermittelt der Beitrag Bürgerkrieg und Weihnachten auf Zypern 1963.

Die Zeremonie in Taşkent
Die Beisetzung war ein Staatsakt. Die gesamte Staatsführung der Türkischen Republik Nordzypern nahm daran teil. Auf dem neu errichteten Taşkent-Märtyrer-Friedhof wurden die sterblichen Überreste der 34 Männer beigesetzt, die bis dahin identifiziert werden konnten.
Der Ablauf folgte einem festen Protokoll:
- Einweihung des Friedhofs und Niederlegung von Kränzen
- Schweigeminute und Salutschüsse
- Vortrag der Nationalhymne und Hissen der Nationalflagge
- Reden des Staatspräsidenten, des Dorfvorstehers von Taşkent, eines Sprechers der Familien und des einzigen Überlebenden Suat Kafadar
- Islamisches Totengebet und anschließende Beerdigung
Die Särge waren in Flaggen gehüllt. Für die Angehörigen war dieser Anblick der Moment, in dem aus einer langen Vermisstenmeldung ein endgültiger Abschied wurde.
Die Worte der Angehörigen
Am stärksten in Erinnerung blieb die Rede von Erdinç Erdağlı, der im Namen aller Familien sprach. Er beschrieb, wie sehr die Hinterbliebenen all die Jahre an einer Hoffnung festgehalten hatten, obwohl sie um das Schicksal ihrer Verwandten wussten.

Heute sehen wir unsere in Flaggen gehüllten Märtyrer und gestehen uns ein, dass die Hoffnung völlig erloschen ist, und wir akzeptieren die Realität.
Viele Familien hatten Kleidung, Schuhe und persönliche Gegenstände der Verschollenen sorgfältig in ihren Häusern aufbewahrt, als könnten die Männer jederzeit zurückkehren. Nun gebe es Gräber, an denen man beten könne. Man könne die Toten an Feiertagen besuchen und sogar an Vatertagen, die seit damals nicht mehr gefeiert wurden. Diese Gefühle, so Erdağlı, könne nur nachvollziehen, wer selbst ein verschollenes Familienmitglied habe.
Das Märtyrer-Museum
Nach dem Begräbnis wurde das Taşkent-Märtyrer-Museum eröffnet. Es zeigt Zeitungsartikel über das Massaker sowie Kleidungsstücke der 34 Männer, die bei den Exhumierungen geborgen wurden. Solche Alltagsgegenstände machen die Geschichte greifbar. Sie zeigen, dass hinter der Zahl 83 einzelne Menschen mit Familien, Berufen und Dörfern standen.
Das Museum erfüllt zugleich eine politische Funktion. In Nordzypern dient die Erinnerung an die Opfer der Jahre 1963 bis 1974 als Teil der kollektiven Identität. Auf der griechisch-zyprischen Seite gibt es ein ähnliches, aber eigenes Gedenken an die eigenen Vermissten. Beide Erzählungen stehen bis heute nebeneinander.
Das Verschollenen-Komitee und die DNA-Analyse
Die Überreste der übrigen 39 Opfer wurden ebenfalls vom zyprischen Verschollenen-Komitee exhumiert. Dieses Gremium arbeitet mit Vertretern beider Volksgruppen und unter dem Dach der Vereinten Nationen. Es sucht nach Vermissten, birgt Gebeine und lässt sie wissenschaftlich untersuchen.

Die Identifizierung geschieht mithilfe von DNA-Vergleichen mit Proben naher Verwandter. Das ist aufwendig und kann Jahre dauern, weil Gebeine oft beschädigt oder vermischt sind. Sobald die Identität eines Opfers feststeht, werden die Überreste an die Familie übergeben. Die verbliebenen 39 Männer sollen nach Abschluss der Untersuchungen ebenfalls mit einem Staatsbegräbnis bestattet werden.
Erinnerung und Annäherung
Die Arbeit an den Vermisstenschicksalen gilt vielen als einer der wenigen Bereiche, in denen beide Seiten zusammenarbeiten. Sie ersetzt keine politische Lösung. Aber sie schafft Gewissheit, die Familien auf beiden Seiten der Teilungslinie seit Jahrzehnten entbehren.
Wie schwierig die politische Ebene bleibt, zeigen die Debatten um Verhandlungen und eine mögliche Föderation, etwa in den Beiträgen Südzyprer für Föderation und gegen Annan-Plan und Eroğlu ruft Anastasiades zum Verhandlungstisch. Die Bestattung in Taşkent erinnert daran, dass hinter diesen Debatten persönliche Verluste stehen, die nicht verjähren.