Vor mehr als vier Jahren, Mitte Januar 2012, starb Rauf Denktaş, der Gründer der Türkischen Republik Nordzypern. Er wurde 87 Jahre alt und hatte eine lange, schwere Krankheit hinter sich. Bis heute erinnert man sich im Inselnorden jedes Jahr rund um den Todestag an einen Mann, der die politische Landschaft Zyperns über Jahrzehnte geprägt hat – und der bis heute wie kaum ein anderer polarisiert.
Ein Gedenken, das den ganzen Norden erfasst
Wenn sich der Todestag von Rauf Denktaş nähert, zeigt sich das im Alltag Nordzyperns deutlich. Offizielle Gedenkveranstaltungen, Kranzniederlegungen und Ansprachen gehören dazu, ebenso wie private Erinnerungen von Menschen, die ihn persönlich erlebt haben. In Zeitungen, im Rundfunk und in Schulen wird an sein Wirken erinnert.
Für viele türkische Zyprer ist Denktaş weit mehr als ein ehemaliger Präsident. Er gilt ihnen als Symbolfigur einer Volksgruppe, die sich über Jahrzehnte als bedroht empfand und in ihm den entschlossenen Fürsprecher ihrer Sicherheit und Selbstbestimmung sah. Entsprechend persönlich fällt das Gedenken aus.
Eine prägende Figur schon vor der Teilung
Denktaş war keineswegs erst nach 1974 eine wichtige Persönlichkeit. Schon in den Jahren vor der Teilung gehörte er zu den bestimmenden Köpfen der türkisch-zyprischen Politik. Er war zunächst als Jurist tätig und trat später als Wortführer seiner Gemeinschaft auf, in einer Zeit, in der die Spannungen zwischen den Volksgruppen der Insel stetig wuchsen.

Die Gründung der Republik Zypern im Jahr 1960 hatte ein fragiles Gleichgewicht zwischen griechischen und türkischen Zyprern geschaffen. Es hielt nicht lange. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen um den Jahreswechsel 1963/64 gehören zu den dunkelsten Kapiteln der Inselgeschichte; mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag Bürgerkrieg und Weihnachten auf Zypern 1963. Aus dieser Erfahrung speiste sich ein Misstrauen, das Denktaş’ politisches Denken lange bestimmte.
Nach 1974: die Makarios-Denktaş-Leitlinien
Nach der Zweiteilung der Insel im Jahr 1974 stand Denktaş an der Spitze der türkisch-zyprischen Seite. In dieser Phase verhandelte er mit dem damaligen griechisch-zyprischen Erzbischof und Präsidenten Makarios die sogenannten Makarios-Denktaş-Leitlinien aus. Sie sehen im Kern eine bizonale, bikommunale Föderation vor.
Dieses Modell ist bis heute die Grundlage aller ernsthaften Einigungsversuche. Dass ausgerechnet ein Mann, der später den Weg zur Eigenstaatlichkeit beschritt, an dieser Formel mitgewirkt hat, ist ein Detail, das in der öffentlichen Debatte oft untergeht. Es zeigt, wie vielschichtig seine Rolle war.
- Föderale Struktur mit zwei Zonen, in denen je eine Volksgruppe die Mehrheit stellt
- Gleichberechtigung beider Gemeinschaften
- Bis heute Referenzpunkt der Verhandlungen unter UN-Vermittlung
Die Ausrufung der Republik 1983
Im Jahr 1983 rief Denktaş die Türkische Republik Nordzypern aus – als Gegenstück zur international anerkannten Republik Zypern im Süden. Der Schritt blieb völkerrechtlich umstritten: Außer der Türkei erkennt bis heute kein Staat die Republik an, und der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Ausrufung damals.

Für Denktaş und seine Anhänger war es hingegen ein notwendiger Akt der Selbstbehauptung. Nach ihrer Lesart hatte die türkisch-zyprische Gemeinschaft keine Alternative, nachdem Verhandlungen über Jahre keine tragfähige Lösung gebracht hatten. Kritiker, vor allem im Süden, sehen darin die Zementierung der Teilung.
Kaum eine Gestalt der Insel wird so unterschiedlich beurteilt wie Rauf Denktaş: als Gründungsvater im Norden, als Hindernis für eine Wiedervereinigung im Süden.
Über 20 Jahre im Präsidentenamt
1985 wurde Denktaş zum ersten Staatspräsidenten Nordzyperns gewählt. Er blieb über zwanzig Jahre im Amt, bis 2005. In dieser langen Zeit prägte er die Institutionen des jungen Gebildes ebenso wie dessen Haltung gegenüber dem Süden, der Türkei und der internationalen Gemeinschaft.
Seine Amtszeit fiel in eine Epoche zahlreicher Vermittlungsrunden. Besonders der Annan-Plan der Vereinten Nationen markierte um 2004 einen Wendepunkt: Während Denktaş ihn ablehnte, stimmte die türkisch-zyprische Bevölkerung mehrheitlich dafür, die griechisch-zyprische Seite dagegen. Wie die Stimmung im Süden aussah, beleuchtet unser Artikel Südzyprer für Föderation und gegen Annan-Plan.

Das Erbe von Denktaş wirkt bis in die aktuelle Politik nach. Seine Nachfolger im Norden verhandeln weiter mit der griechisch-zyprischen Seite; Gesprächsrunden, Treffen der Oberhäupter und gegenseitige Aufrufe zur Rückkehr an den Verhandlungstisch bestimmen den Takt. Beispiele dafür sind das Treffen der religiösen und politischen Oberhäupter oder der Aufruf in Eroğlu ruft Anastasiades zum Verhandlungstisch.
Auch die Erinnerung an die Opfer früherer Gewalt bleibt Teil des politischen Selbstverständnisses im Norden, etwa beim Staatsbegräbnis für Opfer des Taşkent-Massakers. Und wer nach Hoffnungsträgern der Versöhnung fragt, findet sie in Initiativen wie jener um die Kandidaten für den Friedensnobelpreis.
Ob man Denktaş als Staatsgründer verehrt oder als Verfechter der Teilung kritisiert: Ohne ihn ist die Geschichte der Insel seit den 1960er-Jahren nicht zu erzählen. Das jährliche Gedenken im Norden erinnert daran, dass die Zypernfrage nicht nur eine Frage von Verträgen und Karten ist, sondern auch von Lebensgeschichten, Erfahrungen und tief verwurzelten Deutungen der Vergangenheit.
Warum Erinnerung beide Seiten betrifft
Die Erinnerungskultur auf Zypern ist geteilt. Im Norden wird Denktaş als Gründer gewürdigt, im Süden dominieren andere Gedenktage und Deutungen. Genau darin liegt eine der größten Herausforderungen für jede künftige Einigung: Eine Lösung muss nicht nur politische und territoriale Fragen klären, sondern auch Raum für unterschiedliche Geschichtsbilder lassen.
Wer die Insel verstehen will, sollte daher beide Perspektiven kennen. Das Gedenken an Rauf Denktaş bietet dafür einen guten Anlass – nicht, um Partei zu ergreifen, sondern um nachzuvollziehen, warum die Gräben so tief sind und weshalb der Dialog trotz aller Rückschläge weitergeführt wird.