Es ist ein Bild, das auf der geteilten Mittelmeerinsel lange kaum vorstellbar schien: Geistliche und politische Führer aller großen Gemeinschaften saßen an einem Tisch, um gemeinsam für eine Lösung der Zypernfrage zu werben. Das Treffen im Ledra Palace Hotel in der UN-Pufferzone gilt als historisch, weil es in dieser Form erstmals stattfand. Unter Beobachtung der schweizerischen Botschaft kamen beide Präsidenten und die Oberhäupter von Islam, Orthodoxie, Maroniten, Armeniern und Katholiken zusammen.
Schauplatz war das Ledra Palace Hotel, ein traditionsreiches Gebäude mitten in der Pufferzone, die Nikosia und die gesamte Insel seit 1974 in einen Nord- und einen Südteil trennt. Die Vereinten Nationen kontrollieren diesen schmalen Streifen, und das Haus dient seit Jahren als neutraler Ort für Begegnungen, die auf keiner der beiden Seiten stattfinden könnten, ohne politische Fragen aufzuwerfen.
Die Zusammenkunft fand an einem Donnerstag statt und wurde von der schweizerischen Botschaft begleitet. Das ist kein Zufall: Die Schweiz gilt als erfahrene Vermittlerin und tritt in der Zypernfrage als wohlwollende, unparteiische Beobachterin auf. Ihr Botschafter Klas Gierow nahm persönlich an dem Gespräch teil.
Dass der Ort neutral war, erleichterte vieles. Wer sich im Norden oder Süden trifft, bewegt sich zwangsläufig auf dem Territorium der jeweils anderen Seite, mit allen protokollarischen Fragen. In der Pufferzone entfällt dieser Druck, und die Teilnehmer konnten sich auf den Inhalt konzentrieren.

Wer am Tisch saß
Von politischer Seite waren die beiden Präsidenten anwesend: Mustafa Akıncı für den türkisch-zyprischen Norden und Nikos Anastasiades für die Republik Zypern im Süden. Beide verhandelten zu dieser Zeit über eine Wiedervereinigung der Insel, was dem Treffen zusätzliches Gewicht verlieh.
Noch bemerkenswerter war die Runde der Religionsvertreter. Sie spiegelt die Vielfalt Zyperns wider:
- Talip Atalay, Obermufti von Zypern, für die muslimische Gemeinschaft,
- Erzbischof Chrysostomos für die zyprisch-orthodoxe Kirche,
- Erzbischof Joseph Soueif für die Maroniten,
- Erzbischof Nareg Alemezian für die Armenier,
- Jerzy Kraj als lateinischer Patriarchalvikar für die Katholiken.
Gerade die kleineren Gemeinschaften, Maroniten, Armenier und Lateiner, sind in der Verfassungsgeschichte der Insel von Bedeutung. Sie gelten als offiziell anerkannte religiöse Gruppen, auch wenn sie zahlenmäßig weit hinter Griechisch- und Türkischzyprern zurückstehen. Dass sie gleichberechtigt am Tisch saßen, ist ein starkes Signal.
Religion als Brückenbauerin
Religion hat in der Geschichte Zyperns eine ambivalente Rolle gespielt. Die orthodoxe Kirche war unter osmanischer wie britischer Herrschaft ein zentraler Akteur der griechisch-zyprischen Identität, und der erste Präsident der Republik war selbst ein Erzbischof. Auf türkisch-zyprischer Seite prägte die muslimische Gemeinschaft das Selbstverständnis ebenso. Im Konflikt wurden religiöse Zugehörigkeiten oft mit nationalen verknüpft.

Umso bedeutsamer ist es, wenn dieselben Institutionen nun gemeinsam auftreten. Religiöse Führer genießen bei ihren Anhängern oft ein Vertrauen, das Politikern fehlt. Ihr Wort kann Vorurteile abbauen und Verständigungsbereitschaft fördern, gerade bei Menschen, die der Politik längst misstrauen.
Die religiösen Oberhäupter der Insel sind bereit, sich künftig regelmäßig zu treffen.
Diese Aussage eines Schweizer Beobachters markiert, worauf es ankommt: Nicht das einmalige Foto zählt, sondern die Verstetigung. Regelmäßige Begegnungen schaffen Vertrauen und persönliche Kontakte, die auch in angespannten Zeiten tragen.
Menschlichkeit im Umgang mit Flüchtlingen
Ein inhaltlicher Schwerpunkt war die Flüchtlingsproblematik. Zypern liegt nahe an Syrien und dem Libanon und ist damit eines der Ziele von Menschen, die vor Krieg und Not fliehen. Die Insel kennt das Thema auch aus eigener Erfahrung: 1963/64 und 1974 mussten Zehntausende Zyprer ihre Heimat verlassen, auf beiden Seiten der Teilungslinie.
Laut den Berichten herrschte unter den Teilnehmern Einigkeit, dass in Krisenzeiten stets die Menschlichkeit Vorrang haben müsse. Das ist eine Aussage, die über Konfessionen und politische Lager hinweg getragen werden kann, und sie knüpft an die gemeinsame Leidenserfahrung an. Wer selbst vertrieben wurde, versteht die Lage von Geflüchteten oft besser.

Gerade hier zeigt sich der praktische Nutzen interreligiöser Zusammenarbeit: Hilfsangebote, Unterkünfte und Unterstützung lassen sich über Gemeindestrukturen oft schneller organisieren als über staatliche Stellen.
Einordnung in den Friedensprozess
Das Treffen ersetzt keine Verhandlungen über Gebiete, Eigentum, Sicherheit und Regierungsstrukturen. Diese Fragen bleiben Sache der Politik und der Vereinten Nationen. Doch Friedensprozesse brauchen ein gesellschaftliches Klima, in dem Kompromisse überhaupt denkbar sind. Wie schwierig die Stimmung sein kann, zeigte sich etwa in der Debatte um den Annan-Plan, die im Beitrag Südzyprer für Föderation und gegen Annan-Plan nachzulesen ist.
Auch die Vorgeschichte mahnt zur Vorsicht, aber auch zur Hoffnung. Die gewaltsamen Ereignisse, die die Gemeinschaften auseinanderrissen, schildert der Rückblick Bürgerkrieg und Weihnachten auf Zypern 1963. Gemessen an dieser Geschichte ist ein gemeinsamer Tisch von Mufti, Erzbischöfen und Präsidenten ein deutlicher Fortschritt.
Frühere Phasen waren von gegenseitigen Aufforderungen geprägt, überhaupt zu verhandeln, wie das Beispiel Eroğlu ruft Anastasiades zum Verhandlungstisch zeigt. Dass nun beide Präsidenten gemeinsam mit den Religionsvertretern erscheinen, spricht für ein verändertes Klima.
Was daraus folgen kann
Entscheidend wird sein, ob aus der Geste dauerhafte Strukturen entstehen. Denkbar sind regelmäßige Treffen, gemeinsame Erklärungen zu humanitären Themen, der Schutz religiöser Stätten und der Zugang zu Gotteshäusern auf der jeweils anderen Seite der Linie. Solche konkreten Schritte sind für die Menschen vor Ort spürbarer als abstrakte Verhandlungspapiere.
Ebenso wichtig ist, dass die Basis mitzieht. Gemeinden, Schulen und Jugendgruppen könnten die Begegnung der Oberhäupter aufgreifen und eigene Kontakte pflegen. Auf einer Insel, deren Bewohner jahrzehntelang kaum Gelegenheit hatten, einander zu begegnen, ist jeder persönliche Austausch ein Gewinn.
Natürlich bleibt Skepsis angebracht: Symbolische Gesten können verpuffen, wenn die politische Lage sich verhärtet. Dennoch hat das Treffen im Ledra Palace Hotel gezeigt, dass Dialog möglich ist, und dass die Vertreter der Glaubensgemeinschaften bereit sind, Verantwortung für das Zusammenleben auf Zypern zu übernehmen.