Bürgerkrieg und Weihnachten auf Zypern 1963

Es war an Weihnachten 1963, also vor nunmehr 50 Jahren, dass Zypern in einen blutigen Bürgerkrieg gezogen wurde. Erst schlug der zyprische Präsident Makarios III.

Zu Weihnachten 1963 schlug auf Zypern die Stunde, in der aus einem politischen Streit ein blutiger Bürgerkrieg wurde. Was als Verfassungskrise begann, mündete binnen weniger Wochen in Gewalt, Vertreibung und die faktische Teilung der Hauptstadt. Wer verstehen will, warum die Insel bis heute gespalten ist, muss in diesen Winter 1963/64 zurückgehen.

Eine Partnerschaftsrepublik mit Sollbruchstellen

Als Zypern 1960 unabhängig wurde, war die Republik als Partnerschaft zweier Volksgruppen angelegt. Griechische und türkische Zyprer sollten den Staat gemeinsam tragen, mit festgelegten Anteilen in Verwaltung und Institutionen sowie gegenseitigen Vetorechten in zentralen Fragen. Großbritannien, Griechenland und die Türkei übernahmen als Garantiemächte die Rolle von Aufpassern über diese Ordnung.

Das Konstrukt war von Anfang an fragil. Viele Inselgriechen empfanden die Machtteilung als ungerecht, weil die Zyperntürken deutlich weniger als die Hälfte der Bevölkerung stellten und dennoch als gleichberechtigter Partner galten. Auf der anderen Seite sahen die Zyperntürken in den Vetorechten und der Gleichstellung die einzige Garantie gegen eine Dominanz der Mehrheit. Dazu kam, dass in Teilen der griechisch-zyprischen Gesellschaft der Gedanke an die Enosis, den Anschluss an Griechenland, nie verschwunden war.

Die Verfassungsänderungen des Präsidenten Makarios

Der Auslöser der Krise war ein Vorstoß von Präsident Makarios III. Er legte Änderungen der Verfassung vor, die zentrale Schutzrechte der türkischen Volksgruppe beseitigt hätten. Die Zyperntürken wären damit von gleichberechtigten Partnern zu einer bloßen Minderheit im eigenen Land geworden. Für sie bedeutete das, dass der Kern der Staatsgründung von 1960 infrage gestellt wurde.

Die türkisch-zyprische Seite lehnte die Vorschläge ab. Damit war die Lage festgefahren, und die Spannungen auf der Insel nahmen spürbar zu. Entscheidend ist, dass es sich nicht um einen spontanen Zwischenfall handelte, sondern um eine politische Weichenstellung, die das Fundament des gemeinsamen Staates betraf.

„Nicht viele wissen, dass es im Grunde bereits eine Dekade zuvor keine Partnerschaftsrepublik mehr gab“, erklärte TRNZ-Repräsentant Uli Piller mit Blick auf die verbreitete Darstellung, die Teilung beginne erst 1974.

Der Akritas-Plan und die Gewalt im Winter 1963/64

Parallel zu den politischen Manövern wurde ein Geheimplan umgesetzt, der als Akritas-Plan bekannt ist. Nach der Darstellung der türkisch-zyprischen Seite sollte er dafür sorgen, dass die Zyperntürken marginalisiert würden und Zypern zu einer rein griechisch dominierten Insel werden konnte. Das Endziel nationalistischer Kreise unter den Inselgriechen war der Anschluss an Griechenland.

Paramilitärische Kräfte begannen im Winter 1963/64 mit Angriffen auf türkische Zyprer. Die Verteidigungsorganisation der Zyperntürken, die TMT, versuchte, diese Angriffe abzuwehren. Beide Seiten bewaffneten sich, Misstrauen und Rache bestimmten bald das Geschehen, und die Zivilbevölkerung geriet zwischen die Fronten.

Was die Gewalt für die Menschen bedeutete

  • Mehrere zehntausend Zyperntürken wurden aus ihren Dörfern vertrieben.
  • Viele fanden Zuflucht in überfüllten Enklaven, die man später als türkisch-zyprische Ghettos bezeichnete.
  • Gemischte Nachbarschaften, in denen beide Gruppen jahrhundertelang zusammengelebt hatten, lösten sich auf.

Gerade dieser Verlust des Alltäglichen wirkt bis heute nach. Familien verloren Häuser, Felder und Existenzgrundlagen, und das Vertrauen zwischen den Gemeinschaften erlitt einen Schaden, der sich über Generationen nicht reparieren ließ.

UNFICYP, geteilte Hauptstadt und Boykott

Im März 1964 entsandten die Vereinten Nationen ihre Friedenstruppe UNFICYP nach Zypern. Sie sollte die Gewalt eindämmen und die Lage stabilisieren. Die Mission blieb jedoch auf Dauer, weil sich eine politische Lösung nicht einstellte; die Soldaten wurden zu Beobachtern einer sich verfestigenden Trennung.

Nikosia wurde geteilt, und die Trennlinie zog sich fortan mitten durch die Hauptstadt. Zugleich belegte Makarios die türkisch-zyprischen Enklaven mit einem Wirtschaftsboykott. Die Zyperntürken lebten dadurch in Enge und Mangel und waren auf sich selbst gestellt. Die staatlichen Institutionen funktionierten nicht mehr als gemeinsame, die Partnerschaftsrepublik existierte faktisch nicht mehr.

Das Urteil eines deutschen Diplomaten

Eine bemerkenswerte Außensicht liefert der damalige deutsche Botschafter in Nikosia, Dr. Joseph Koenig. In seinem Bericht an das Auswärtige Amt sprach er später vom unsagbaren Leid der Türken auf der Insel. Dass ein Diplomat eines nicht unmittelbar beteiligten Landes eine solche Formulierung wählte, zeigt, wie schwer die Lage der Zyperntürken in dieser Zeit wog.

Quellen dieser Art sind für die historische Einordnung wertvoll, weil sie nicht aus dem Lager einer der Konfliktparteien stammen. Sie ersetzen keine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung, erinnern aber daran, dass die Ereignisse von 1963/64 schon damals international wahrgenommen wurden.

Warum 1963 für das Verständnis von 1974 so wichtig ist

In der öffentlichen Debatte heißt es oft, Zypern sei geteilt, weil die Türkei 1974 den Norden der Insel „okkupiert“ habe. Dieses Bild blendet aus, was in den zehn Jahren davor geschehen war. Die zyperntürkische Seite betont, dass die gemeinsame Republik bereits Ende 1963 zerbrach und dass sie dafür nicht die Verantwortung trage.

Das schmälert nicht die Tragik der späteren Ereignisse, denn auch 1974 zahlten viele Menschen beider Gemeinschaften einen hohen Preis. Es verändert aber die Perspektive: Die Teilung erscheint dann nicht als ein einzelnes Ereignis, sondern als Ergebnis einer langen Kette von Brüchen, in der Weihnachten 1963 eine Schlüsselrolle spielt. Wer Verhandlungen über eine Lösung ernsthaft führen will, muss beide Erzählungen kennen und die Verletzungen auf beiden Seiten anerkennen.

Zu diesem Hintergrund passen auch spätere Entwicklungen, über die wir berichtet haben, etwa die Staatsbegräbnisse für Opfer des Taşkent-Massakers oder das Treffen der religiösen und politischen Oberhäupter. Sie zeigen, wie präsent die Vergangenheit im Alltag der Insel noch immer ist.

Erinnerung als Aufgabe

Ein halbes Jahrhundert nach diesen Wochen bleibt die Frage, wie eine Gesellschaft mit solch einer Geschichte umgeht. Gedenken kann trennen, wenn jede Seite nur ihre eigenen Opfer sieht. Es kann aber auch den Boden für ein gemeinsames Verständnis bereiten, wenn die Fakten offen auf den Tisch kommen.

Für die Zyperntürken ist die Erinnerung an Weihnachten 1963 der Beleg dafür, warum Sicherheitsgarantien und politische Gleichberechtigung in jeder künftigen Regelung unverzichtbar sind. Wie eine solche Regelung aussehen könnte, ist weiterhin offen, doch ohne die Auseinandersetzung mit dem Winter 1963/64 bleibt jede Debatte über die Zukunft der Insel unvollständig.