Rubrik Gesellschaft & Kultur

Um an einem internationalen Sportwettbewerb in der türkischen Schwarzmeer-Hafenstadt Trabzon teilzunehmen, flog eine Gruppe zyperngriechischer Schüler von Südzypern aus nach Athen und anschließend…

Eine Schülergruppe aus dem Süden Zyperns wollte nur zu einem internationalen Sportwettbewerb ins türkische Trabzon am Schwarzen Meer. Ihr Reiseweg führte über Athen und Istanbul, und die letzte Etappe flogen sie mit „Pegasus Airlines“. Genau diese Airline-Wahl löste in der Republik Zypern eine Debatte aus, die weit über den Sport hinausreicht.

Eine Reise mit Umweg und mit Folgen

Direktflüge zwischen der Republik Zypern und der Türkei gibt es nicht. Wer aus dem Süden der Insel in die Türkei reisen will, muss deshalb fast immer über ein Drittland fliegen. Die Schüler nahmen die übliche Route: erst nach Athen, dann nach Istanbul. Für die Weiterreise nach Trabzon entschieden sie sich für Pegasus, eine türkische Low-Cost-Fluggesellschaft.

Normalerweise wäre das kaum der Rede wert. Eine Gruppe junger Sportlerinnen und Sportler fliegt zu einem Turnier, es gibt Umsteigezeiten, Gepäckkontrollen und vermutlich auch etwas Nervosität vor dem Wettkampf. In Zypern aber ist selbst eine solche Buchung politisch aufgeladen. Der Grund dafür liegt in einer Besonderheit der Insel, die auch fünf Jahrzehnte nach der Teilung noch den Alltag prägt.

Warum Pegasus für Streit sorgt

Aus Sicht der zyperngriechischen Regierung gelten alle Fluggesellschaften, die den Flughafen Ercan im türkisch besetzten Norden der Insel anfliegen, als problematisch. Die Republik Zypern betrachtet diesen Flughafen als illegal, weil er ohne ihre Zustimmung betrieben wird. Ercan wird international praktisch nur von der Türkei aus angeflogen, da der Norden – die selbsternannte „Türkische Republik Nordzypern“ – nur von Ankara anerkannt wird.

Pegasus gehört zu den Airlines, die Ercan bedienen. Wer mit ihr fliegt, so die Logik in Teilen der politischen Debatte, unterstützt indirekt eine Infrastruktur, die Nikosia nicht anerkennt. Dazu kommt, dass der Schulsport staatlich organisiert ist und die Schüler als Vertreter der Republik Zypern reisten. Das machte die Entscheidung für eine bestimmte Airline zu einer Frage, die über private Reisevorlieben hinausgeht.

Bei einem Flug von Istanbul nach Trabzon geht es nur um wenige Stunden in der Luft – in Zypern aber um die Frage, wer welchen Luftraum und welche Flughäfen anerkennt.

Der historische Hintergrund: Flughäfen als Politikum

Der Konflikt um die Flughäfen ist so alt wie die Teilung. Nach dem türkischen Militäreingriff von 1974 wurde der internationale Flughafen von Nikosia stillgelegt; er liegt bis heute in der Pufferzone und verfällt. Der Süden baute stattdessen die Flughäfen Larnaka und Paphos zu seinen Haupttoren aus. Im Norden entwickelte sich Ercan, der zuvor ein kleinerer Flugplatz war, zum zentralen Airport.

Die Republik Zypern hat die Häfen und Flughäfen im Norden für den internationalen Verkehr gesperrt erklärt. Die Folge: Ercan wird nicht direkt aus Europa angeflogen, sondern meist über einen Zwischenstopp in der Türkei. Für die türkischzyprische Seite bedeutet das eine wirtschaftliche Isolation, für die zyperngriechische Seite ein Mittel, die Nichtanerkennung des Nordens durchzusetzen. Beide Sichtweisen stehen seit Jahrzehnten unversöhnlich nebeneinander.

Was das für Reisende bedeutet

  • Direktflüge zwischen Südzypern und der Türkei existieren nicht, Reisende müssen umsteigen.
  • Viele Zyprer fliegen über Athen, andere über weitere Drehkreuze, und wählen dann je nach Preis und Verbindung die Airline.
  • Türkische Gesellschaften sind häufig günstig und bieten viele Anschlüsse – bringen aber im Süden politischen Gesprächsstoff mit sich.

Schüler zwischen Sport und Politik

Besonders heikel ist an dem Fall, dass es um Minderjährige geht. Die Jugendlichen hatten sich für ein internationales Turnier qualifiziert und wollten vor allem eines: antreten. Dass ihre Reiseplanung zum Thema wurde, werten viele Eltern und Lehrkräfte als unfair. Sie argumentieren, dass Kinder nicht für die Konflikte der Erwachsenen verantwortlich gemacht werden sollten.

Andere sehen das anders. Sie verweisen darauf, dass Schulreisen staatlich getragen oder zumindest begleitet werden und es deshalb klare Richtlinien geben müsse. Wer offiziell für die Republik reist, solle Unternehmen meiden, die aus dieser Perspektive gegen deren Rechtsordnung verstoßen. Diese Haltung ist in der politischen Landschaft verbreitet, doch nicht unumstritten.

Der Fall steht nicht allein. Ähnliche Auseinandersetzungen gab es um Sportteams, Künstler oder Delegationen, die Verbindungen genutzt haben, die Nikosia ablehnt. Immer wieder entzündet sich die Diskussion an scheinbaren Kleinigkeiten wie Flugtickets, Stempeln im Pass oder Hotelbuchungen. Auf unserer Seite haben wir bereits über einen verwandten Vorfall berichtet: Flug mit türkischer Airline sorgt für Ärger in Südzypern.

Solche Episoden zeigen, wie tief die Teilung in den Alltag hineinwirkt. Eine Insel mit nur wenig mehr als einer Million Einwohnern – Näheres dazu in unserem Beitrag über die aktuelle Einwohnerzahl der Republik Zypern – verhandelt auf kleinem Raum große Fragen von Souveränität, Anerkennung und Identität. Schon eine Flugbuchung kann dabei zum Symbol werden.

Was bleibt: Pragmatismus gegen Prinzip

Am Ende stehen sich zwei Haltungen gegenüber. Die eine verlangt Konsequenz: Wer die Teilung nicht stillschweigend akzeptieren will, soll auch im Kleinen keine Zugeständnisse machen. Die andere plädiert für Pragmatismus: Ein Schülerturnier ist keine Außenpolitik, und wer wegen einer Umsteigeverbindung Streit anfängt, schadet vor allem den jungen Sportlern selbst.

Klar ist: Solange es keine Lösung der Zypernfrage gibt, werden sich solche Debatten wiederholen. Für Familien, Schulen und Sportverbände bedeutet das, vor Auslandsreisen sorgfältiger zu prüfen, welche Verbindungen gewählt werden – und sich auf Fragen einzustellen, die mit Sport wenig zu tun haben. Für die Jugendlichen bleibt zu hoffen, dass am Ende nicht der Streit, sondern ihre Leistung in Trabzon in Erinnerung bleibt.