Der Internationale Flughafen Ercan im Norden Zyperns hat im vergangenen Jahr deutlich an Boden gutgemacht: Nach Angaben des Presse- und Informationsdienstes der Türkischen Republik Nordzypern (TRNZ) starteten dort rund 3,5 bis 4 Millionen Passagiere ihre Reise. Damit rückt der Airport in eine Größenordnung vor, die lange nur den beiden Flughäfen im Süden der Insel vorbehalten schien. Doch ein entscheidendes Hindernis bleibt bestehen: das Embargo.
Die Zahlen im Vergleich
Wer die Passagierstatistiken der Insel nebeneinanderlegt, erkennt schnell, wie eng das Rennen geworden ist. Der Flughafen Larnaka, das wichtigste Tor der Republik Zypern, verzeichnete etwas mehr als fünf Millionen Reisende. Paphos, der zweite Airport im Süden, wurde von etwa 2,3 Millionen Fluggästen genutzt. Ercan liegt mit seinen geschätzten 3,5 bis 4 Millionen Passagieren damit klar vor Paphos und nicht allzu weit hinter Larnaka.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die absolute Zahl, sondern die Dynamik. Ercan liegt östlich der Hauptstadt Nikosia und wurde über Jahrzehnte hinweg als Provisorium betrachtet. Dass er heute Millionen Menschen abfertigt, zeigt, wie stark Tourismus, Studentenverkehr und Besuche von Verwandten im Norden zugenommen haben. Zu beachten ist allerdings, dass die Angaben aus einer Pressemitteilung der nordzyprischen Seite stammen und die Spanne von 3,5 bis 4 Millionen eher eine Schätzung als eine exakte Zählung darstellt.
Das Embargo und seine Folgen
In der Mitteilung wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass von Ercan aus zunächst nur Ziele in der Türkei direkt angeflogen werden können. Der Grund liegt im politischen Status des Nordens: Die Türkische Republik Nordzypern wird international nur von der Türkei anerkannt, während die Republik Zypern die Lufthoheit über die gesamte Insel beansprucht und Ercan als nicht legalen Hafen einstuft. Direktverbindungen in andere Länder sind deshalb praktisch ausgeschlossen.

Für Reisende bedeutet das: Jeder Flug nach Ercan führt über einen türkischen Flughafen. Das verlängert die Reisezeit, macht Umsteigen notwendig und schafft zugleich eine enge wirtschaftliche Abhängigkeit von türkischen Fluggesellschaften und Drehkreuzen. Zugleich erklärt es, warum ein Teil der Passagierzahlen schlicht aus dem dichten Netz an Verbindungen zwischen der Türkei und dem Norden der Insel resultiert.
„Ercan ist heute von München aus leichter und häufiger zu erreichen als Larnaka. Aufgrund der Embargos allerdings ist ein Zwischenstopp in Istanbul, Ankara oder Antalya aber obligatorisch.“ – TRNZ-Repräsentant Uli Piller
Die Sicht aus München
Die Aussage des TRNZ-Repräsentanten Uli Piller ist auf den ersten Blick überraschend, auf den zweiten aber nachvollziehbar. Ab München bestehen zahlreiche Verbindungen zu den großen türkischen Drehkreuzen, und von dort geht es mit Anschlussflügen weiter nach Ercan. Larnaka wird dagegen aus Süddeutschland nicht in gleicher Dichte direkt bedient, sodass die Wahl je nach Saison eher auf dem Weg über die Türkei liegen kann.
Der Haken: Wer nach Ercan will, muss in Istanbul, Ankara oder Antalya zwischenlanden. „Leichter“ bezieht sich also vor allem auf die Häufigkeit der Verbindungen und die Auswahl an Abflugzeiten, nicht auf eine kürzere Gesamtreisedauer. Für viele Reisende ist der Umstieg dennoch kein Hindernis, zumal Flüge über türkische Drehkreuze häufig günstig angeboten werden.

Warum der Norden wächst
Mehrere Faktoren dürften das Wachstum erklären. Der Tourismus im Norden profitiert von vergleichsweise niedrigeren Preisen, langen Sandstränden, historischen Stätten wie Kyrenia und Famagusta und einem ruhigeren Image. Hinzu kommen Universitäten, an denen tausende Studierende aus der Türkei und weiteren Ländern eingeschrieben sind und regelmäßig pendeln. Auch Geschäftsreisende und Familien mit Verbindungen zur Türkei tragen zum Aufkommen bei.
- Tourismus: Pauschal- und Individualreisende nutzen das günstige Preisniveau.
- Bildung: Der Hochschulsektor sorgt für konstanten Reiseverkehr über das ganze Jahr.
- Türkische Anbindung: Die kurzen Flugzeiten vom Festland machen Ercan zu einem Inlandsziel im Alltag.
Auch die regionale Luftfahrt spielt eine Rolle, etwa die Frage nach einer eigenen Fluggesellschaft, die wir im Beitrag Karpaz Airlines, die Fluggesellschaft Nordzyperns? behandelt haben.
Wirtschaftliche Verflechtung der Insel
Dass die Teilung der Insel den Alltag prägt, aber nicht vollständig trennt, zeigen viele Beispiele. Wirtschaftsbeziehungen zur Türkei wachsen auf beiden Seiten: So berichteten wir darüber, dass Südzypern seine Importe aus der Türkei verdoppelt, und dass griechische Zyprer Millionen im türkischen Ausland ausgeben. Auch Infrastrukturprojekte wie die Wasser-Pipeline zwischen Zypern und der Türkei verdeutlichen die enge Anbindung des Nordens an das Festland.
Ein leistungsfähiger Flughafen ist für diese Entwicklung ein wichtiger Baustein. Er bringt Gäste, Fachkräfte und Investoren ins Land und stärkt Gastronomie, Hotellerie und Immobilienmarkt. Zugleich steigt der Druck auf Kapazitäten, Abfertigung und Umweltbilanz – ein Thema, das in einer Region mit knappen Wasserressourcen und Waldbrandrisiko, wie bei den großen Waldbränden in Nordzypern, nicht unterschätzt werden sollte.

Ausblick: Chancen und Grenzen
Ob Ercan seinen Aufholkurs fortsetzen kann, hängt weniger von der Technik als von der Politik ab. Solange das Embargo besteht, bleibt der Flughafen auf die Türkei als Brücke angewiesen. Ein Ende dieser Beschränkungen wäre nur im Rahmen einer politischen Lösung des Zypernkonflikts denkbar, die derzeit nicht absehbar ist.
Bis dahin bleibt Ercan ein Beispiel dafür, wie sich ein international isolierter Standort behauptet. Die Zahlen zeigen, dass Nachfrage vorhanden ist; die Umstiegspflicht bleibt der Preis dafür. Für Reisende aus Deutschland, insbesondere aus München, bedeutet das vor allem eines: Wer den Norden Zyperns besuchen möchte, hat inzwischen mehr Möglichkeiten als je zuvor – muss aber stets einen türkischen Zwischenstopp einplanen.