Es klingt nach einem Projekt aus der Kategorie „kaum machbar": Süßwasser unter dem Mittelmeer von der türkischen Südküste auf die Insel Zypern zu leiten. Nach Jahrzehnten der Planung und gescheiterter Vorläufer ist die Verbindung zwischen Anamur und Çamlıbel nun Realität geworden. Für den wasserarmen Norden der Insel ist sie ein Einschnitt – technisch, wirtschaftlich und politisch.
Ein Mammut-Projekt mit holpriger Vorgeschichte
Die Idee, Zypern mit Wasser vom türkischen Festland zu versorgen, ist alles andere als neu. Schon in den 1990er Jahren gab es erste, eher tastende Versuche. Damals setzte man auf eine ungewöhnliche Methode: Große, dünnwandige Stoffballons sollten, mit Süßwasser gefüllt, durch das Meer gezogen werden – gewissermaßen schwimmende Wassertanks im Schlepptau.
Der geplante Pendelverkehr zwischen dem türkischen Anamur und der Nordküste Zyperns kam jedoch nie zustande. Die Ballons platzten bereits im Versuchsstadium, und das Konzept verschwand wieder in der Schublade. Die Erfahrung zeigte, dass sich eine dauerhafte Versorgung nur mit fest verlegter Infrastruktur sicherstellen lässt.
Genau diesen Weg ging man schließlich: Statt beweglicher Behälter wurde eine Leitung auf dem Meeresboden verlegt. Dass das Vorhaben von Beginn an als Mammut-Projekt galt, ist angesichts der Dimensionen verständlich – es mussten Technik, Finanzierung und politische Zustimmung gleichzeitig zusammenkommen.

Die Zahlen hinter der Leitung
Die nun fertiggestellte Verbindung führt vom türkischen Anamur zum zyperntürkischen Çamlıbel. Insgesamt sind die Unterwasserleitungen 107 Kilometer lang. Künftig sollen auf diesem Weg rund 75 Millionen Kubikmeter Süßwasser transportiert werden – eine Menge, die für die vergleichsweise kleine Bevölkerung des Nordens eine erhebliche Rolle spielt.
Zuletzt wurde der Anschluss auf türkischer Seite in Anamur fertiggestellt, womit die Kette der Bauabschnitte geschlossen ist. Gerade dieser letzte Schritt war das sichtbare Zeichen dafür, dass aus dem langjährigen Plan ein funktionierendes System wird.
- Strecke: Anamur (Türkei) bis Çamlıbel (Nordzypern)
- Länge der Unterwasserleitungen: insgesamt 107 Kilometer
- Jahresmenge: rund 75 Millionen Kubikmeter Süßwasser
Wofür das Wasser gebraucht wird
Nach Angaben des inseltürkischen Rundfunks BRT soll etwa die Hälfte des Wassers als Trinkwasser genutzt werden. Die andere Hälfte ist für Landwirtschaft und Industrie vorgesehen. Diese Aufteilung spiegelt wider, wo der Druck auf die knappen Ressourcen am größten ist.
Zypern zählt seit Langem zu den Regionen Europas mit besonders ausgeprägter Wasserknappheit. Niederschläge fallen unregelmäßig, die Sommer sind heiß und trocken, und der Tourismus sowie die Bewässerungslandwirtschaft treiben den Verbrauch in die Höhe. Grundwasserspeicher an der Küste leiden zudem unter eindringendem Salzwasser, wenn zu viel entnommen wird.

Für Bauern im Norden könnte verlässlich verfügbares Wasser bedeuten, dass Anbauflächen besser bewirtschaftet werden und Erträge planbarer werden. Auch für Betriebe, die bislang unter Engpässen litten, eröffnen sich neue Möglichkeiten.
Feierliche Einweihung mit politischem Gewicht
Die Einweihung war keine rein technische Angelegenheit. Auf beiden Seiten der Pipeline nahmen hochrangige politische Vertreter teil. Der nordzyprische Staatschef Akıncı reiste in die Türkei, um gemeinsam mit Staatspräsident Erdoğan den Anschluss in Betrieb zu nehmen.
Der türkische Premierminister Ahmet Davutoğlu wertete das Projekt als Beweis für die enge Verbundenheit zwischen der Türkei und der Türkischen Republik Nordzypern. Die Botschaft war eindeutig: Die Leitung steht auch für die enge Anbindung des Nordens an Ankara.
Die Wasserpipeline werde Zypern in eine „grüne Insel" verwandeln – so Präsident Akıncı bei der Zeremonie in Anamur.
Hoffnung für den Einigungsprozess
Bemerkenswert ist, dass Akıncı das Wasserprojekt nicht nur als Versorgungsfrage darstellte. Er äußerte die Erwartung, dass es auch auf den Einigungsprozess zwischen den beiden zyprischen Staaten einen positiven Effekt haben werde. Hintergrund ist die Überlegung, dass ein Ende der Wasserknappheit Spannungen entschärfen und eine gemeinsame Zukunft der Insel erleichtern könnte.

Ob sich diese Hoffnung erfüllt, bleibt offen. Wasser, Energie und Wirtschaft gelten seit Jahren als Felder, auf denen praktische Zusammenarbeit denkbar wäre, auch wenn die großen politischen Fragen ungelöst sind. Die Leitung zeigt zumindest, dass in der Infrastruktur Fortschritte möglich sind, wo politische Verhandlungen stocken.
Einordnung: Chancen und offene Fragen
Eine Pipeline löst nicht automatisch alle Probleme. Der Betrieb muss dauerhaft gesichert, die Verteilung auf der Insel organisiert und der sparsame Umgang mit dem Wasser gefördert werden. Wer Zugang zu billigem Wasser hat, neigt dazu, mehr zu verbrauchen; nachhaltige Bewirtschaftung bleibt daher eine Daueraufgabe. Auch die Abhängigkeit von einer einzigen Leitung und vom Festland ist ein Faktor, den Planer im Blick behalten müssen.
Die Verbindung steht zudem im Kontext einer wachsenden Vernetzung zwischen Nordzypern und der Türkei, die sich auch in anderen Bereichen zeigt, etwa im Luftverkehr (siehe Der Flughafen Ercan in Nordzypern holt auf) und im Handel. Wie eng Wirtschaft und Umwelt auf der Insel zusammenhängen, zeigen auch Naturereignisse wie Große Waldbrände in Nordzypern, bei denen ausreichend Wasser eine zentrale Rolle spielt.
Unterm Strich ist das Projekt ein Beispiel dafür, wie aus einem anfangs gescheiterten Experiment mit platzenden Wasserballons eine massive Ingenieurleistung wurde. Ob die „grüne Insel" Wirklichkeit wird, hängt nun davon ab, wie klug das Wasser genutzt wird.