Als zwei Selbstmordattentäter bei einer Friedensdemonstration in Ankara Hunderte Menschen verletzten und knapp hundert töteten, reagierte auch der Norden Zyperns mit Bestürzung. Die Türkei und die Türkische Republik Nordzypern (TRNZ) riefen eine dreitägige Staatstrauer aus. Präsident Mustafa Akıncı fand deutliche Worte: „Wenn Ankara weint, weint auch Nikosia.“
Der Doppelanschlag von Ankara
Am Samstag kam es in der türkischen Hauptstadt zu einem Doppelanschlag. Zwei Selbstmordattentäter zündeten ihre Sprengsätze mitten in einer Friedensdemonstration, zu der linke Organisationen aufgerufen hatten. Die Menschen waren zusammengekommen, um für Frieden und Verständigung einzutreten – ausgerechnet sie wurden zum Ziel eines der folgenschwersten Anschläge der jüngeren türkischen Geschichte.
Mehrere hundert Personen wurden verletzt. Nach den bislang vorliegenden Angaben starben 97 Menschen; manche Berichte sprechen von etwa hundert Todesopfern. Die Zahl der Toten war zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch nicht endgültig, da sich unter den Verletzten auch Schwerverletzte befanden.
Wer hinter dem Anschlag steckt, war zunächst ungeklärt. Gerade diese Unklarheit prägte die Reaktionen in den Tagen danach: Wo Gewissheit fehlt, füllen politische Schuldzuweisungen rasch die Lücke.

Staatstrauer in der Türkei und in Nordzypern
Die Regierung in Ankara ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Die TRNZ schloss sich dem an und erklärte ebenfalls drei Tage der Trauer, um der Opfer zu gedenken. Dies ist Ausdruck der engen politischen, kulturellen und historischen Verbindungen zwischen dem Norden der Insel und dem Festland.
Bei einer Staatstrauer werden üblicherweise die Flaggen auf halbmast gesetzt, öffentliche Veranstaltungen angepasst oder abgesagt, und Amtsträger bekunden offiziell ihr Beileid. Für viele Menschen im Norden Zyperns, von denen etliche familiäre Wurzeln oder Angehörige in der Türkei haben, war die Trauer dabei nicht nur ein offizieller Akt.
Akıncıs Beileid und der Besuch in der Botschaft
Präsident Akıncı ließ seinem Amtskollegen auf dem Festland eine schriftliche Trauerbekundung zukommen. Zudem besuchte er die Botschaft der Türkei im Norden von Nikosia und trug sich dort in das Kondolenzbuch ein.
„Ankara weint über dieses unmenschliche Ereignis, das zu einem Massaker geworden ist, und Nikosia weint auch.“

In seinem Eintrag verurteilte Akıncı die Tat persönlich und im Namen der Bevölkerung der TRNZ in aller Schärfe. Er bat um Barmherzigkeit für die Getöteten, sprach den Verletzten und Hinterbliebenen sein Beileid sowie Genesungswünsche aus und äußerte die Überzeugung, dass die Türkei das Unheil auf demokratischem Weg überwinden und bald zu einer friedlichen, ruhigen Atmosphäre zurückfinden werde.
Bemerkenswert ist der Ton: Akıncı, der als gemäßigter, auf Verständigung bedachter Politiker gilt, formulierte keine Anschuldigung, sondern setzte auf Mitgefühl und den Appell an demokratische Mittel.
Proteste in Nikosia und London
Nicht alle Reaktionen im Norden blieben bei stillem Gedenken. Hunderte türkische Zyprer demonstrierten gemeinsam mit aus der Türkei stammenden Migranten kurdischer Herkunft im Norden von Nikosia gegen das, was sie das „Ankara-Massaker“ nannten. Ähnliche Kundgebungen gab es auch in der britischen Hauptstadt London, wo eine große türkische, zyprisch-türkische und kurdische Gemeinschaft lebt.
Obwohl die Drahtzieher noch nicht feststanden, machten die Demonstranten die Regierung und Präsident Erdogan verantwortlich und forderten ihren Rücktritt. Dahinter steht der Vorwurf, der Staat habe die Sicherheit der Kundgebung nicht ausreichend gewährleistet oder politisch zur aufgeheizten Stimmung beigetragen. Belegt war das zu diesem Zeitpunkt nicht; es handelte sich um politische Forderungen aus der Trauer und Wut heraus.

Zwei Stimmen, zwei Perspektiven
Die Gegenüberstellung zeigt, wie unterschiedlich Trauer politisch artikuliert werden kann. Auf der einen Seite steht die offizielle Linie der TRNZ-Spitze: Anteilnahme, Verurteilung des Terrors, Vertrauen in demokratische Prozesse. Auf der anderen Seite stehen Demonstranten, die Verantwortung bei der Regierung in Ankara suchen.
- Offizielle Ebene: Beileidsschreiben, Botschaftsbesuch, Kondolenzbuch, Staatstrauer.
- Zivilgesellschaft: Straßenproteste in Nikosia und London, Rücktrittsforderungen.
- Gemeinsamer Nenner: Entsetzen über den Angriff auf eine Friedenskundgebung.
Dass beide Haltungen nebeneinander existieren, gehört zur politischen Realität in der TRNZ, wo Bevölkerung und Parteien in ihrem Verhältnis zu Ankara keineswegs einheitlich denken.
Einordnung für Zypern
Die Ereignisse zeigen, wie eng die politische Lage in der Türkei und im Norden Zyperns miteinander verwoben ist. Wer sich für die Sicherheits- und Parteienlandschaft dort interessiert, findet Hintergründe etwa in unserem Beitrag zu Nordzyperns Terrorliste mit zehn verbotenen Organisationen.
Für die Menschen auf der Insel bleibt vor allem die Mahnung, dass Gewalt gegen friedliche Versammlungen jede Seite trifft. Wie die Ermittlungen ausgehen und welche politischen Folgen der Anschlag in der Türkei haben wird, ließ sich in den ersten Tagen noch nicht absehen.