Wieso Südzypern seinen Unabhängigkeitstag 1,5 Monate später feiert

Am Donnerstag zelebrierte der südzyprische Präsident Nikos Anastasiades zusammen mit den Oberhäuptern Japans, der Vereinigten Arabischen Emirate, des Omans, der Ukraine und Usbekistans den…

Am ersten Oktober feiert Südzypern seinen Nationalfeiertag, obwohl die Insel formal am 16. August 1960 unabhängig wurde. Zum 52. „Unabhängigkeitstag der Republik Zypern“ empfing Präsident Nikos Anastasiades Staatsgäste aus Japan, den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Oman, der Ukraine und Usbekistan. Hinter dem verschobenen Datum steckt ein bis heute umstrittener Streit um Geschichte, Verfassung und die Frage, wer eigentlich in der Nachfolge des Staates von 1960 steht.

Die Briten entließen Zypern 1960 aus der Kolonialherrschaft. Der 16. August gilt deshalb völkerrechtlich und historisch als Geburtstag der Republik. Die griechisch-zyprische Seite feiert die Unabhängigkeit jedoch seit Jahren am 1. Oktober, also rund eineinhalb Monate später.

Offiziell wird die Verschiebung mit einem Argument begründet: Am 16. August sei erstmals die türkische Armee in Zypern einmarschiert, deshalb passe das Datum nicht zu einem Freudentag. Der Hinweis auf die türkische Militärpräsenz ist politisch aufgeladen. Er blendet aus, dass es mit der Gründung des Staates eine vertraglich vereinbarte Stationierung gab.

Der Oktobertermin ist damit mehr als eine Kalenderfrage. Er zeigt, wie unterschiedlich die beiden Volksgruppen die Anfänge des Staates erinnern. Was die einen als Beginn einer Besatzung deuten, sehen die anderen als den Start einer Partnerschaft, die später zerbrach.

Garantiemächte und die Truppen von 1960

Die Grundlage der Unabhängigkeit bildeten die Abkommen von Zürich und London. Sie legten das Gerüst des neuen Staates fest. Zu ihnen gehörte ein Garantiesystem, in dem Großbritannien, Griechenland und die Türkei Rollen als Garantiemächte übernahmen.

Gemäß diesen Vereinbarungen kamen 1960 Kontingente der beiden Mutterländer auf die Insel. Es handelte sich um 950 griechische und 650 türkische Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere. Sie sollten als Truppen der Garantiemächte ihren Dienst versehen. Nach dieser Lesart war die Ankunft türkischer Soldaten im August 1960 also kein Einmarsch, sondern Teil der vereinbarten Ordnung.

Die spätere Intervention der Türkei im Jahr 1974 steht auf einem anderen Blatt. Sie hat ihre eigene Vorgeschichte mit dem Putsch gegen Makarios und ist bis heute ein zentraler Streitpunkt. Mit dem Datum der Unabhängigkeit hat sie jedoch nichts zu tun, und gerade diese Vermischung kritisieren die Kritiker der Datumsverschiebung.

Eine Partnerschaftsrepublik auf dem Papier

Die Verfassung von 1960 sah zwei gleichberechtigte Volksgruppen vor, Griechen und Türken. Sie sollte verhindern, dass die zahlenmäßig kleinere türkische Gemeinschaft von der Mehrheit übergangen wird. Dafür enthielt sie mehrere Schutzmechanismen:

  • feste Anteile der Zyperntürken an Posten in der öffentlichen Verwaltung,
  • getrennte Abstimmungen im Parlament bei wichtigen Themen,
  • eine geteilte Staatsspitze mit einem griechisch-zyprischen Präsidenten und einem türkisch-zyprischen Vizepräsidenten.

Alle Seiten hatten diese Ordnung unterzeichnet. Dennoch war sie von Beginn an brüchig. Präsident Makarios III. zeigte nach Darstellung der türkisch-zyprischen Seite wenig Interesse, die Verfassung tatsächlich zu achten. Das Ziel der griechisch-zyprischen Führung sei der Anschluss an Griechenland gewesen, die sogenannte Enosis. Für dieses Ziel kämpften griechisch-zyprische Untergrundgruppen bereits seit 1955 mit Waffengewalt.

Die Republik, die am 1. Oktober gefeiert wird, ist nicht mehr dieselbe, die 1960 als Partnerschaft zweier Volksgruppen gegründet wurde.

Der Akritas-Plan und der Winter 1963

Nur drei Jahre nach der Gründung wurde nach türkisch-zyprischer Darstellung ein bis dahin geheimer Plan umgesetzt, der Akritas-Plan. Er sah vor, die türkische Beteiligung am Staat Schritt für Schritt zu verringern und auf lange Sicht die Vereinigung mit Griechenland durchzusetzen.

Im November 1963 schlug Makarios vor, die Verfassung zu ändern. Das Ergebnis war eine Regierung, die rein griechisch dominiert war. Der gemeinsame Staat, in dem beide Volksgruppen vertreten sein sollten, existierte in dieser Form nicht mehr. Die Republik brach im Winter 1963 auseinander.

Über die Ursachen dieses Bruchs gehen die Darstellungen weit auseinander. Auf griechisch-zyprischer Seite wird weiterhin behauptet, die Zyperntürken hätten sich selbst aus den Staatsorganen zurückgezogen, es habe also einen selbstverschuldeten „Auszug“ gegeben. Die türkisch-zyprische Seite sieht darin eine Verdrehung der Tatsachen und verweist auf die Verfassungsänderung, die Gewalt jener Wochen und den Ausschluss aus den Institutionen.

Wer ist heute die „Republik Zypern“?

Die Verantwortlichen im Süden vertreten bis heute, dass die Republik von 1960 fortbesteht und sie ihr rechtmäßiger Nachfolger sind. International wird die Regierung in Nikosia als Vertreterin Zyperns anerkannt, und der Staat ist Mitglied der Europäischen Union. Aus dieser Sicht ist der Unabhängigkeitstag schlicht der Nationalfeiertag eines bestehenden Staates.

Kritiker halten dem entgegen, der als Partnerschaftsrepublik gegründete Staat sei nach 1963 faktisch nicht mehr derselbe. Eine Verfassung, die zwei Gründungsvölker vorsah, lasse sich nicht dadurch fortführen, dass eines von beiden von der Macht ausgeschlossen wurde. Mit dieser Argumentation begründet auch Nordzypern sein Selbstverständnis als eigenständiger politischer Akteur, wie sich etwa bei Auftritten bei den Vereinten Nationen zeigt.

Die Frage nach dem rechtlichen Fortbestand der Republik ist deshalb nicht nur eine akademische. Sie berührt Verhandlungen über eine Lösung der Zypernfrage, die Vertretung der Insel in internationalen Organisationen und das Verständnis davon, was ein gemeinsamer Staat überhaupt sein soll.

Was der Feiertag über die Teilung verrät

Dass hochrangige Gäste aus Asien, dem Nahen Osten und Osteuropa am 1. Oktober nach Nikosia reisen, unterstreicht den diplomatischen Anspruch der Regierung im Süden. Sie präsentiert sich als Staat mit voller internationaler Anerkennung und pflegt Beziehungen weit über die Region hinaus.

Zugleich bleibt der Feiertag ein Spiegel der Teilung. Im Norden und im Süden der Insel werden Staatsgründung, Verfassungsbruch und Krieg unterschiedlich erzählt. Jedes Datum, ob 16. August, 1. Oktober oder Dezember 1963, ist Teil eines Streits darüber, wer wann welche Verantwortung trug.

Solange diese Erzählungen unvereinbar nebeneinanderstehen, wird auch ein einzelner Feiertag mehr sein als ein Termin im Kalender. Er ist ein Hinweis darauf, wie weit eine gemeinsame Sicht auf die Geschichte noch entfernt ist, und damit auch auf die Hürden jeder künftigen Einigung.