Offiziell herrscht zwischen der Republik Zypern und der Türkei Funkstille – und doch fließen Waren zwischen beiden Ländern. Neue Zahlen zeigen, dass sich die Einfuhren Südzyperns vom türkischen Festland im Jahr 2014 mehr als verdoppelt haben. Der Handel läuft dabei weitgehend auf Umwegen, weil es keine direkten Handelsbeziehungen gibt.
Keine Anerkennung, kein Direkthandel
Seit dem Putsch auf der Insel im Jahr 1974 erkennt die Türkei die Republik Zypern nicht mehr als Staat an. Allem Anschein nach wird sich daran bis zu einer endgültigen Lösung der Zypernfrage auch nichts ändern. Ankara betrachtet den international anerkannten Staat im Süden der Insel nicht als Verhandlungspartner auf Augenhöhe, sondern verweist auf die Lage der beiden Volksgruppen.
Mit der Nichtanerkennung wurden auch der Direkthandel und die Direktflüge zwischen den beiden Ländern eingestellt. Wer von Larnaka oder Paphos in die Türkei reisen will, muss deshalb in der Regel über ein Drittland fliegen. Ähnliches gilt für Schiffsverbindungen und Frachtwege: Häfen und Flughäfen im griechisch geprägten Süden sind für türkische Schiffe und Maschinen faktisch tabu.
Wie weit diese Abschottung geht, zeigt sich auch an anderen Themen, etwa an der Debatte um den Luftverkehr im Norden, über die wir unter anderem in den Beiträgen zu Karpaz Airlines und zum Flughafen Ercan berichtet haben.

Waren über Umwege
Trotz der politischen Blockade landen türkische Produkte über Drittländer in Südzypern, und umgekehrt gelangen zyprische Waren in die Türkei. Der Handel findet also statt, nur nicht auf dem direkten Weg und oft ohne dass der Endkunde die Herkunft eigens wahrnimmt.
Ein typisches Beispiel sind Maschinenteile. Griechische Zyprer bestellen sie bei internationalen Unternehmen, die unter anderem in der Türkei produzieren. Weil die Entfernung gering ist, liefert der Konzern die Teile aus seinem türkischen Werk, schickt sie aber über ein Drittland nach Südzypern. Formal handelt es sich um einen Kauf bei einem internationalen Anbieter, tatsächlich stammt die Ware aus der Türkei.
Solche Konstruktionen sind für Unternehmen praktisch, weil sie kurze Lieferzeiten und niedrige Transportkosten ermöglichen. Für die Statistik bedeuten sie aber, dass die tatsächlichen Warenströme vermutlich größer sind, als es die offiziellen Zahlen zeigen.
Was Südzypern aus der Türkei bezieht
Der griechischsprachige Teil der Insel importiert aus der Türkei vor allem:
- Autos und Ersatzteile
- Maschinen und Maschinenteile
- Arzneimittel
- Kunststoffe

Es sind überwiegend Industrieprodukte und Vorleistungen, die Handwerk, Gewerbe und Bauwirtschaft benötigen. Dass gerade Ersatzteile und Pharmazeutika dazugehören, passt zur Nähe der türkischen Industrie: Wo schnell geliefert werden muss, sind kurze Wege ein klarer Vorteil.
Die Zahlen im Detail
2014 verdoppelten sich die Importe vom türkischen Festland im Vergleich zu 2013 von 4,6 Millionen Euro auf 10,2 Millionen Euro. Für den Zeitraum Januar bis Mai 2015 beliefen sich die Einfuhren aus der Türkei insgesamt auf 3,8 Millionen Euro.
Die Ausfuhren in die Gegenrichtung sind deutlich kleiner. 2013 exportierte Südzypern Waren im Wert von 493.000 Euro in die Türkei, im Jahr darauf waren es 593.000 Euro. Im ersten Quartal 2015 betrugen die südzyprischen Ausfuhren in die Türkei 337.000 Euro.
Der Handel zwischen beiden Ländern existiert, obwohl es ihn politisch eigentlich nicht geben dürfte.
Das Missverhältnis liegt auf der Hand: Auf jeden exportierten Euro kamen 2014 rund siebzehn Euro Importe. Die Handelsbilanz ist damit klar zugunsten der Türkei ausgefallen. Zugleich bleiben beide Beträge im Verhältnis zur gesamten Volkswirtschaft gering, sodass von einer ernsthaften Abhängigkeit keine Rede sein kann.

Einordnung: Wirtschaft trotz Politik
Der Anstieg wirkt zunächst dramatisch, ist aber zu relativieren. Aus 4,6 Millionen Euro wurden 10,2 Millionen – ein Sprung in Prozent, doch in absoluten Zahlen ein kleiner Posten im Außenhandel eines EU-Mitglieds. Einzelne größere Aufträge können solche Werte in einem kleinen Markt stark verschieben.
Dennoch zeigt die Entwicklung, dass wirtschaftliche Interessen politische Barrieren immer wieder umgehen. Das gilt auch für andere Bereiche: Viele Südzyprer reisen oder kaufen in der Türkei ein, wie unser Bericht über Millionenausgaben im türkischen Ausland zeigt. Auch bei Infrastrukturthemen wie der Wasser-Pipeline zwischen Zypern und der Türkei spielt der pragmatische Blick auf den Nutzen eine Rolle.
Ausblick
Solange die Zypernfrage ungelöst bleibt, dürften direkte Handelswege geschlossen bleiben. Die Waren werden weiterhin über Drittländer fließen, mit zusätzlichen Kosten und weniger Transparenz. Eine Lösung des Konflikts würde den Handel vermutlich spürbar beleben, denn die geografische Nähe wäre dann auch wirtschaftlich nutzbar.
Bis dahin bleibt der Handel ein leiser Gegenpol zur Diplomatie: Während Politiker um Anerkennung und Verhandlungsformate ringen, bestellen Unternehmen weiter Ersatzteile, Medikamente und Kunststoffe – dort, wo sie am schnellsten und günstigsten zu bekommen sind.
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