Karpaz Airlines, die Fluggesellschaft Nordzyperns?

Vor dreieinhalb Jahren musste die nationale Fluggesellschaft der Türkischen Republik Nordzypern, die Cyprus Turkish Airlines (Kıbrıs Türk Hava Yolları- KTHY), aufgrund finanzieller Probleme den…

Dreieinhalb Jahre nach dem Aus der nationalen Fluggesellschaft Nordzyperns kehrt das Thema Luftfahrt auf die politische Agenda zurück. Ein Gewerkschafter spricht von einer neuen Airline namens „Karpaz Hava Yolları“, der zuständige Minister winkt ab. Was ist dran an den Gerüchten, und was bedeutet das für den Flughafen Ercan und die Menschen im Norden der Insel?

Das Ende der Cyprus Turkish Airlines

Die Cyprus Turkish Airlines (Kıbrıs Türk Hava Yolları, KTHY) war über Jahrzehnte das fliegende Aushängeschild der Türkischen Republik Nordzypern. Da der Staat international nur von der Türkei anerkannt wird, ist er im Luftverkehr auf Umwege angewiesen: Direktflüge gibt es praktisch nur in die Türkei, alle anderen Verbindungen führen über Zwischenlandungen dort. Eine eigene Fluggesellschaft war deshalb immer auch ein Stück Selbstbehauptung.

Finanzielle Probleme zwangen das Unternehmen schließlich, den Betrieb einzustellen. Seither ist die Airline Geschichte, und die Folgen sind bis heute spürbar. Die Gesellschaft schuldet ihren ehemaligen Beschäftigten insgesamt 28 Millionen Lira. Ein Teil, nämlich 8,7 Millionen Lira, wurde bereits als Entschädigung ausgezahlt.

Bemerkenswert ist die Herkunft dieses Geldes: Die Türkei hatte es ursprünglich für Banken vorgesehen, die vor dem Bankrott standen. Der Restbetrag soll noch in diesem Jahr an die Ex-Mitarbeiter fließen. Für viele Familien wäre das ein spätes, aber wichtiges Ende einer langen Hängepartie.

Wer heute Ercan anfliegt

Seit dem Ausscheiden der KTHY im Jahr 2010 bedienen nur noch vier Gesellschaften den Flughafen Ercan nahe der Hauptstadt Lefkoşa:

  • Turkish Airlines
  • Sun Express
  • Pegasus Airlines
  • Atlasjet

Alle vier sind türkische Unternehmen. Der Norden hat damit keine eigene Fluggesellschaft mehr und ist von Entscheidungen in Ankara und Istanbul abhängig, was Preise, Flugpläne und Kapazitäten betrifft. Wie sich der Flughafen trotzdem entwickelt, beschreibt auch der Beitrag Der Flughafen Ercan in Nordzypern holt auf.

Für Touristen, Studierende und Pendler ist die Abhängigkeit alltäglich. Wer von Nordzypern nach Europa will, steigt in aller Regel in der Türkei um. Das kostet Zeit und Geld, und es macht die Wirtschaft des Nordens verwundbar, wenn Verbindungen ausgedünnt werden.

Die Aussagen des Gewerkschafters

Den Stein ins Rollen brachte Buran Atakan, der Präsident der Gewerkschaft Hava-Sen. In einer Live-Sendung im Fernsehen erklärte er, in der Türkei sei bereits ein Unternehmen mit dem Namen „Karpaz Hava Yolları“, also Karpaz Airlines, gegründet worden. Die Regierung habe versprochen, eine neue nordzyprische Fluggesellschaft zu schaffen, und arbeite im Stillen daran.

Nach Atakans Darstellung könnte die Karpaz Airlines die neue Airline des Nordens werden. Sie solle überwiegend in privater Hand bleiben, aber unter staatlicher Kontrolle stehen. Schon im April, so seine Einschätzung, könnten die ersten Flüge ins Ausland starten.

Die Regierung arbeite im Stillen an einer neuen nordzyprischen Fluggesellschaft, so der Gewerkschaftschef – der Verkehrsminister sieht das ganz anders.

Der Name verweist auf die Karpaz-Halbinsel, die lang gestreckte, dünn besiedelte Landzunge im Nordosten der Insel, bekannt für Strände, wilde Esel und unberührte Natur. Als Marke wäre der Name durchaus eingängig.

Das Dementi des Ministers

Transportminister Ahmet Kaşif widersprach deutlich. Er habe von einer Karpaz Airlines nur aus einer Fernsehsendung in der Türkei erfahren, mit dem Unternehmen stehe er in keinerlei Verbindung. Auch einen Namen für die künftige nationale Fluggesellschaft habe sein Ministerium bislang nicht festgelegt.

Sein Vorgänger Ersan Saner habe zwar „Kantara“ als möglichen Namen erwogen, doch das sei keine Entscheidung gewesen. Kantara ist der Name einer bekannten Burg in den Bergen der Karpaz-Region, auch hier greift man also auf die Geografie des Nordens zurück.

Der formale Weg

Kaşif verwies zudem auf das Verfahren: Wolle die Karpaz Airlines tatsächlich Flüge nach Nordzypern anbieten, müsse sie beim Transportministerium einen Antrag stellen. Ein solcher Antrag liege bisher nicht vor. Deshalb hält der Minister erste Flüge im April für unwahrscheinlich. Die Genehmigungsprozesse in der Luftfahrt sind ohnehin aufwendig, von Betriebserlaubnissen bis zu Flugzeugen und Personal.

Chancen und Risiken einer Neugründung

Eine eigene Airline könnte dem Norden mehr Eigenständigkeit bringen, Arbeitsplätze schaffen und womöglich neue Strecken erschließen. Gerade für den Tourismus wäre eine Gesellschaft mit Sitz auf der Insel ein Argument. Zugleich zeigt das Schicksal der KTHY, wie schwierig der Betrieb unter den besonderen politischen Bedingungen ist. Ohne internationale Anerkennung bleiben die Möglichkeiten für Direktverbindungen begrenzt, und die Konkurrenz durch große türkische Anbieter ist stark.

Ein Modell mit privatem Eigentum unter staatlicher Kontrolle, wie es Atakan beschreibt, wäre zudem heikel. Die offenen Forderungen der früheren KTHY-Beschäftigten mahnen zur Vorsicht, wenn öffentliches Geld im Spiel ist. Entscheidend wäre ein tragfähiger Geschäftsplan statt eines symbolischen Prestigeprojekts.

Einordnung: Zwischen Gerücht und Plan

Bislang stehen sich zwei Darstellungen gegenüber: ein Gewerkschafter, der von einem im Stillen vorbereiteten Projekt spricht, und ein Minister, der davon nichts weiß und auf einen fehlenden Antrag verweist. Gesichert ist lediglich, dass der Norden seit 2010 keine eigene Fluggesellschaft mehr hat und dass der Wunsch nach einer Wiederbelebung weiter lebendig ist.

Die Wirtschaft des Nordens hängt eng an der Türkei, sei es beim Handel, bei der Energie oder beim Wasser, wie etwa das Projekt der Wasser-Pipeline zwischen Zypern und der Türkei zeigt. Auch im Luftverkehr dürfte die Türkei eine Schlüsselrolle spielen, sollte es wirklich zu einer Neugründung kommen.

Ob die Karpaz Airlines je abheben wird, bleibt offen. Wer auf Flüge im April gehofft hat, sollte sich nach den Worten des Ministers eher in Geduld üben. Bis ein Antrag gestellt, geprüft und genehmigt ist, dürfte noch einige Zeit vergehen – und bis dahin werden die vier türkischen Anbieter weiterhin den Flugverkehr nach Ercan prägen.